Mirene Arsanios

Ein Teil von Dir fängt Feuer*

Der Satz „Zeit, die mit Worten gewonnen wird, geht bei ihrem Schreiben verloren“ stammt aus dem Jahr 2011. Eine junge Frau Ende Zwanzig hat ihn niedergeschrieben, obgleich sie ihn nicht erfunden hat. Sie muss ihn irgendwo gelesen haben, in einem Buch oder auf einer Werbefläche. Von 2011 bis heute hat die junge Frau viele andere Dinge gesagt, auch banale: „Wie viel kostet diese Flasche Milch?“ „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen“ „Nein, jetzt nicht“ oder „Ich bin niemals in Japan gewesen“. Aber keiner dieser Sätze wurde aufgezeichnet oder niedergeschrieben. Nur ein Satz überlebte. Die junge Frau schreibt ihn immer noch.

Sie tippt das Pronomen „es“. Sie tippt ganz langsam und selbstvergessen angesichts meiner Gegenwart. Ich sitze in ihrer Nähe und sie bittet mich, wegzugehen, in einem Jahr wiederzukommen. „Ein Jahr? Der Verleger erwartet den Satz noch heute.“ „Ich bin langsam“, sagt sie, „ich schreibe mit meinem Kopf, nicht mit meinen Händen.“

Ich überlasse die junge Frau ihren Gedanken, kehre in mein Zimmer zurück und stelle mich ans Fenster. Ein Kran hievt einen Packen von Stangen hoch. Ein altes Haus wird abgerissen. „Tahet!“ schreit ein Bauarbeiter dem Kran entgegen. Die Person, die den Kran steuert, hört ihn nicht. „Tahet!“, wiederholt er. Der Lärm, den das Ausheben von drei Baugruben erzeugt, grenzt meine Wohnung zu einer Insel ein. Ich gehe schleppend zurück ins Wohnzimmer. Schreiben ist beharrlich, es ist mir voraus.

Ich zünde mir eine Zigarette an, ohne sie zu rauchen. Ich habe vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Ist die junge Frau, die in meiner Nähe sitzt, eine Raucherin? Ist sie jünger als ich? Ich muss älter sein als ihr Satz. Wir sind uns nicht ähnlich. Ihre Traurigkeit geht von einer leichten in eine sehr verzweifelte über. Ich beobachte sie, mache mir Notizen über ihre Gewohnheiten, passe auf, ihre Privatsphäre nicht zu verletzen. Ich möchte an ihre Fähigkeit glauben, mittels der Sprache die Gewalt der Stadt zum Ausdruck zu bringen, was mir nicht gelungen ist.

Ich wohne auf einer Insel, auf der dritten Etage, über der zweiten Etage, wo Lamine, der Drogendealer, gelebt hat. Im Aufzugskorb würde ich hören, wenn er morgens Kokain schnupft. Ich habe den Verdacht, dass neben Lamine noch jemand anderes auf dem zweiten Stock wohnte, jemand, der nachts vor Schmerz schreien würde. Eines Tages wurde Lamine verhaftet. Ich frage mich, ob die junge Frau im Wohnzimmer mit ihrem Kopf eine Geschichte über Lamine schreibt. War sie diejenige, die schrie, während die ganze Stadt schlief?

Bin ich eingeschlafen? Die junge Frau zündet sich eine Zigarette an. Ihre Hände sind flach, ihr Blick ist sanft. Staub bedeckt ihre Schultern. Wahrscheinlich hat sie auf dem Balkon gesessen, Tee getrunken und den vorbeifahrenden Autos zugesehen, so wie ich es mache. „Bist du fertig?“, frage ich sie. „Fast“, sagt sie, und nimmt einen tiefen Zug. Sie atmet aus. Die Souveränität ihrer Bewegungen, jede erscheint wie eine Skulptur, lassen mich annehmen, dass sie frei ist. Ich zünde eine Zigarette an. Anstatt mit einem neuen Satz zu beginnen, masturbiere ich zum Dröhnen eines Motorhammers. Der Lärm geht weiter, nachdem ich gekommen bin. Die junge Frau beobachtet mich. Sie sagt, dass sie am Schreiben ist.

Ich ignoriere die E-Mail des Verlegers, die sich in meiner Mailbox befindet. Ich schinde Zeit und höre mir einen Podcast mit dem Titel „Erforsche deinen Geist“ an, in dem ein buddhistischer Gelehrter über seine Meditationserfahrungen berichtet. Er beschreibt einen kurzen Moment der Offenbarung, in dem er fühlte, sowohl eine beliebige Person im Raum als auch er selbst zu sein. „Glaubst du, dass er beides zugleich war, weil er ein Mann war?“, fragt mich die junge Frau. „Ich weiß es nicht.“ „Kann eine Person bei einem Autounfall eine andere Person sein?“

Wenn die Stadt von Menschen bewohnt wird, die nicht sie selbst sind, wer hebt dann die Gruben aus, in denen die Hochhäuser errichtet werden? Sie legt nach „Hochhäuser errichtet werden“ eine Pause ein, steht auf und geht ins Badezimmer. Sie beobachtet sich im Spiegel und bemerkt feine Linien um ihre Lippen: Falten haben sich gebildet. Sie schreibt:„Die Zeit, die beim Schreiben von Worten verloren geht, ist gewonnene Zeit.“

Der Baulärm hat nachgelassen. Schwere Blöcke, die an dem Gegenausleger des Krans befestigt sind, schweben über einer Grube. Ich möchte mich bei der jungen Frau für ihren Satz bedanken, aber sie ist nicht mehr im Wohnzimmer. Ich schaue im Badezimmer nach. Sie hat eine Nachricht hinterlassen:„7. Dez., Merve, rufe mich zurück, sobald du dies liest. Alles Liebe Merve.“ Meine Nummer ist belegt. Ich lege auf.

Nun, da sie den Satz geschrieben hat, schafft sie es nicht, ihn abzuschicken. Draußen war die Stadt. „Außerhalb des Satzes war eine Stadt“ war das Letzte, das sie niedergeschrieben hat.

Mirene Arsanios ist Autorin, Kuratorin, Mitbegründerin des Projektraums 98weeks und Redakteurin des online Magazins Makhzin in Beirut.

* aus: Lisa Robertson, Cinema of The Present

One part of you is catching fire*

The sentence “time gained with words is time lost writing them” began in 2011.
It was written by a girl in her late twenties though it wasn’t her sentence. She must have read it somewhere, in a book or on a billboard. Between 2011 and today, the girl said many other things, things one says to get by in life: “How much for this bottle of milk?” “Nice to meet you” “No, not now” or “I have never visited Japan”. But none of these sentences were recorded or written down. Only one survived. The girl is still writing it.

She types the pronoun “it.” She types slowly and seems oblivious to my presence. I sit next to her and she asks me to leave, to come back in a year. “A year? The publisher expects the sentence today.” “I’m slow,” she says, “I write with my mind, not my hands.”

I leave the girl to her slothful exploration, go back to my room, and stand by the window. A crane is hoisting a rod bundle. An old apartment is being torn down. “Tahet!” a worker shouts at the crane. The person operating the machine can’t hear him. “Tahet!” he repeats. The din of digging, of drilling three construction sites confine my apartment to an island. I walk back to the living room, trudging. Writing persists, it is ahead of me.

I light up a cigarette without smoking it. I quit smoking two years ago. Is the girl sitting next to me a smoker? Is she younger than me? I must be older than her sentence. We’re different. Her sadness changes from very easy to very desperate. I observe her, take notes of her habits, mindful not to encroach on her privacy. I want to believe in her ability to convey in language the violence of the city I have failed.

I live on an island, on the third floor, above the second floor on which Lamine, the drug dealer, used to live. Through the elevator cage I would hear him snorting cocaine in the morning. I also suspect that someone other than Lamine lived on the second floor, someone who would howl in pain at night. One day, Lamine was arrested. I wonder if the girl in the living room is writing a story about Lamine with her mind. Was she the person howling while the city slept?

Was I asleep? The girl lights a cigarette. Her hands are flat, her gaze soft. Dust covers her shoulders. She must have been sitting on the balcony, drinking tea and watching cars drive by the way I do. “Are you done?” I ask. “Almost,” she says, taking a long drag. She exhales. From the autonomy of her movements. the way each appears like a sculpture, I can tell she is free. I light up a cigarette. Instead of beginning a new sentence I masturbate to the drilling of a power hammer. The noise persists after I come. The girl watches me. She says she is writing.

I pretend not to see the editor’s email lingering in my mailbox. Procrastinating, I begin listening to a podcast called “Exploring the mind” in which a Buddhist scholar talks about his meditation journey. He describes a brief moment of revelation in which he once felt that he was both a random person in the room as much as he was himself. “Do you think that he was both because he was a man?” asks the girl. “I don’t know.” “Could someone be someone else in a car accident?”

If the city was made of people who aren’t themselves, who is digging the holes in which towers are erected? She pauses after “towers are erected,” stands up and walks to the bathroom. She looks at herself in the mirror and notices tiny marks on the side of her lips: wrinkles had formed. She writes, “Time lost writing words is time gained.”

The din has ceased. Heavy blocs attached to the crane’s counter jib hang above a pit. I wanted to thank the girl for her sentence but she was no longer in the living room. I check the bedroom. She had left a note, “ Dec. 7, Merve, call me back as soon as you read this love Merve.” My number is busy. I hang up.

Now that the sentence was written she couldn’t get herself to send it. Outside, there was city. “Outside the sentence there was a city” was the last thing she wrote.

Mirene Arsanios is a writer and curator based in Beirut. She co-founded 98weeks project space and edits the online magazine, Makhzin.

* from: Lisa Robertson, Cinema of The Present

Una parte di te va a fuoco*

La frase “il tempo guadagnato con le parole è tempo perso a scriverle” risale al 2011.
L’ha scritta una ragazza di quasi trent’anni, anche se non è sua. Deve averla letta chissà dove, in un libro o su un manifesto pubblicitario. Tra il 2011 e oggi la ragazza ha detto molte altre cose, quelle che servono per vivere: “Quanto costa questa bottiglia di latte?”, “Piacere di conoscerti”, “Adesso no” o “Non sono mai stata in Giappone”. Nessuna, però, è stata registrata o scritta. Ne è sopravvissuta una sola. La sta ancora scrivendo.

Digita il pronome “esso”. Digita lentamente, dimentica della mia presenza. Le siedo accanto e lei mi chiede di andarmene, di tornare fra un anno. “Un anno? L’editore si aspetta la frase entro oggi”. “Sono lenta”, dice, “scrivo con la mente, non con le mani”.

La lascio alla sua indagine indolente, ritorno nella mia stanza e mi fermo davanti alla finestra. Una gru sta sollevando un fascio di travi. Un vecchio appartamento viene demolito. “Tahet!” grida un operaio alla gru. La persona che la manovra non lo sente. “Tahet!” ripete lui. Il frastuono degli scavi, delle trapanatrici di tre cantieri, circonda la mia casa rendendola un’isola. Torno in salotto a passi lenti. La scrittura persiste, mi precede.

Accendo una sigaretta senza fumarla. Ho smesso due anni fa. La ragazza seduta accanto a me fuma? È più giovane? Devo avere più anni della sua frase. Quanta differenza tra di noi. La sua tristezza cambia, passa dalla disinvoltura alla disperazione. La osservo, prendo nota delle sue abitudini facendo attenzione a non violare la sua privacy. Voglio credere nella sua capacità di esprimere a parole la violenza della città, dove io ho fallito.

Vivo su un’isola, al terzo piano, sopra il secondo piano dove un tempo viveva Lamine, lo spacciatore. Dalla gabbia dell’ascensore lo sentivo sniffare cocaina al mattino. Sospetto che al secondo piano vivesse qualcun altro oltre a lui, qualcuno che di notte gridava di dolore. Un giorno Lamine è stato arrestato. Chissà se la ragazza in salotto sta scrivendo una storia su Lamine, con la mente. Era lei quella che gridava mentre la città dormiva?

Ho dormito? La ragazza si accende una sigaretta. Ha le mani aperte, lo sguardo dolce. Le spalle sono coperte di polvere. Dev’essersi seduta in balcone a bere il tè e a guardare le auto, come faccio io. “Hai finito?” le chiedo. “Quasi”, risponde con una lunga boccata. Soffia il fumo. Dall’autonomia dei suoi movimenti, da come ognuno sembra una scultura, deduco che è libera. Accendo una sigaretta. Invece di cominciare una nuova frase mi masturbo nel frastuono di un martello pneumatico. Il rumore prosegue anche dopo che vengo. Lei mi guarda. Dice che sta scrivendo.

Fingo di non vedere l’email dell’editore che indugia nella cartella della posta in arrivo. Rimando, comincio ad ascoltare un podcast dal titolo “Esplorare la mente” in cui uno studioso buddista parla del suo viaggio meditativo. Descrive un istante di rivelazione durante cui ha sentito di essere sia una persona a caso sia lui, nella stessa stanza. “Credi che fosse entrambe le persone perché è uomo?” chiede la ragazza. “Non lo so”. “Si può essere qualcun altro in un incidente stradale?”

Se la città fosse fatta di persone che non sono loro, chi sta scavando le buche dove sorgeranno le torri? Si ferma dopo “sorgeranno le torri”, si alza e va in bagno. Davanti allo specchio nota minuscoli segni ai lati delle labbra: si sono formate le rughe. Scrive: “Il tempo perso a scrivere parole è tempo guadagnato”.

Il baccano si è fermato. Sopra una buca sono sospesi pesanti blocchi attaccati al braccio della gru. Volevo ringraziare la ragazza per la sua frase, ma lei non era più in salotto. Controllo in camera da letto. Ha lasciato un biglietto: “7 dicembre, Merve, chiamami non appena leggi questo con amore Merve”. Il mio numero è occupato, riattacco.

Una volta scritta la frase non è riuscita a mandarla. Fuori c’era la città. “Fuori dalla frase c’era una città”, è stata l’ultima cosa che ha scritto.

Mirene Arsanios è autrice, curatrice, co-fondatrice dello spazio 98weeks e editrice della rivista Makhzin a Beirut.

* da: Lisa Robertson, Cinema of The Present

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